Leitbild/Vision

Neurologie: Ein kleines Fach auf dem Weg zum grossen Fachgebiet

B. Tettenborn

In kaum einem anderen medizinischen Bereich hat sich so viel Neues ergeben und ist die Expansion des Faches so deutlich wie in der Neurologie, kaum ein anderes Gebiet zeigt eine solche Dynamik wie die Erforschung des menschlichen Gehirns, der Muskel- und der Nervenerkrankungen. Zunehmend hat sich die klinische Neurologie von einem diagnostischen zu einem therapeutischen Fach entwickelt und der therapeutische Nihilismus früherer Jahre ist einem rasanten Zuwachs an differenzierten neurologischen Therapiemöglichkeiten gewichen. Besonders hervorzuheben sind in dieser Beziehung aktuell:

- die Akuttherapie des Schlaganfalls mit Lysebehandlung und Neuromonitoring
Das  Konzept der spezialisierten Schlaganfalleinheit bzw. eines Stroke Teams für die Umsetzung der notwendigen Akutdiagnostik und Therapie einschliesslich Neuromonitoring bei Patienten mit akuten zerebralen Durchblutungsstörungen in enger Zusammenarbeit des ärztlichen Personals mit Mitarbeitern in Pflege, Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und Neuropsychologie hat erfreulicherweise eine zunehmende Verbreitung und erfolgreiche Anwendung gefunden.

- Etablierung der neurologischen Intensivmedizin
Neurologische Syndrome infolge primärer oder sekundärer Affektion des Nervensystems spielen in der Intensivmedizin eine immer wichtigere Rolle.

- neue Therapieoptionen bei Multipler Sklerose

Die Einstellung der Neurologen zur Multiplen Sklerose hat sich in kurzer Zeit grundlegend geändert. Die Auffassung, dass die Ärzte lediglich Symptome lindern könnten, hat insbesondere durch die Einführung der immunmodulatorischen Substanzen einer positiveren Haltung Platz gemacht. Eine der wesentlichen Neuerungen der letzten Jahre ist die Modifikation der diagnostischen Kriterien und die Etablierung des Konzeptes, bei Diagnosestellung möglichst früh mit einer prophylaktischen Behandlung zu beginnen.

- aktuelle Therapie von Störungen der neuromuskulären Übertragung

Bei der Behandlung unterscheidet man die rein symptomatische Therapie von der kausalen Therapie, die immunsuppressiv und/oder operativ sein kann.

- aktuelle Therapie der Epilepsien
Im Bereich der Pharmakotherapie der Epilepsien werden fast jedes Jahr neue Antikonvulsiva zugelassen, weitere neue befinden sich in der Phase der klinischen Prüfung, die sowohl in Hinsicht auf Wirksamkeit als vor allem auch Verträglichkeit die Behandlungsoptionen verbessern; auch die Vagusnervstimulation wird therapeutisch eingesetzt. Die Abklärung von Patienten mit medikamentös therapierefraktären Epilepsien mittels prolongiertem Video-EEG-Monitoring, struktureller Bildgebung sowie zunehmend auch funktioneller Bildgebung und umfassender Neuropsychologie wird stetig optimiert und damit das Operationsergebnis bei epilepsiechirurgischen Eingriffen verbessert.

- Behandlung der akuten  Migräneattacke
Für die Behandlung schwerer akuter Migräneattacken stehen seit wenigen Jahren als Serotoninagonisten die Triptane zur Verfügung. Jährlich werden auch hier neue Triptane und verschiedene Applikationsformen zur Therapie zugelassen, die sich hinsichtlich ihrer pharmakokinetischen und pharmakodynamischen Parameter zum Teil deutlich unterscheiden.

- therapeutische Anwendung von Botulinumtoxinen

Botulinumtoxine haben sich seit ihrer erst wenige Jahre zurückliegenden Einführung in die Neurologie als erfolgreichstes Verfahren zur Behandlung von Dystonien und anderen Muskelüberaktivitätssyndromen fest etabliert.

- die Möglichkeiten der invasiven Behandlungsverfahren mittels stereotaktischer
Eingriffe bei Basalganglienerkrankungen haben die bisherigen therapeutischen Optionen vorwiegend medikamentöser Art erweitert.

- Neurologische Erkrankungen im Schlaf
Der Fortschritt im Verständnis von Schlaf und Schlafstörungen neurologischer Ursache in den letzten Jahren ist enorm. Ein erst 1998 entdeckter Neurotransmitter, das Orexin, scheint nach neuesten Publikationen eine herausragende Rolle in der Schlaf-Wach-Regulation zu spielen, Orexinmangel stellt eine mögliche Ursache der Narkolepsie dar. In Zukunft sind durchaus therapeutische Ansatzpunkte mit Orexinliganden als neuer pharmakologischer Therapieoption denkbar.

- Neurorehabilitation
Gerade in den letzten Jahren hat die Neurorehabilitation von der stationären Frührehabilitation über die weitere rehabilitative Behandlung stationär, teilstationär oder ambulant bis hin zur beruflichen Rehabilitation endlich die erforderliche Aufmerksamkeit erhalten und die Notwendigkeit interdisziplinärer Teams für eine erfolgreiche Rehabilitation ist akzeptiert.

Parallel zur Entwicklung der Neurologie zu einem grossen Fachgebiet mit zahlreichen Spezialbereichen einschliesslich neurologischer Intensivmedizin und verschiedenster neuer Therapieoptionen hat der Prozentsatz an Frauen im klinischen und wissenschaftlichen Bereich der Neurologie merklich zugenommen. Ob hier ein kausaler Zusammenhang besteht oder es sich lediglich um ein Epiphänomen im Rahmen gesellschaftlicher Änderungsprozesse handelt soll an dieser Stelle absichtlich offen bleiben.

Die Neurologie ist heute mehr denn je ein Fach, das von der Interaktion mit Nachbardisziplinen lebt. In den nächsten Jahren werden in Anbetracht der steigenden Lebenserwartung und dem anwachsenden Bevölkerungsanteil älterer Menschen verschiedene neurologische Krankheitsbilder weiter zunehmen und die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den benachbarten Fachgebieten hoffentlich einen immer grösseren Raum einnehmen. Wir sind neugierig auf das, was in dem ständig weiter expandierenden Gebiet der Neurologie in naher Zukunft kommen wird.